Sechs spirituelle Zugänge zu P. Brisson
An die Biografie des seligen Louis Brisson (1817–1908) kann man historisch herangehen. Man kann sie aber auch spirituell an sich heranlassen; an sich persönlich. Ich wünsche viel Spaß dabei.
1. Widerstand
Louis Brisson hat der Gründung unserer Ordensgemeinschaft der Oblaten des hl. Franz von Sales dreißig Jahre lang widerstanden, weil er von einer Frau, einer Ordensfrau mit einer Vision mitgeteilt bekam, dass er zur Gründung der Oblaten bestimmt sei.
Was bewegt einen Menschen, seinen Widerstand nach dreißig Jahren aufzugeben? Das wäre ein historischer Zugang. Ich bevorzuge einen spirituellen Zugang. Was ist mit deinen ganz persönlichen Widerständen? Hast du schon einmal darüber nachgedacht, gewisse bei dir persönlich eingefahrene Verhaltens- und Denkmuster auf den Prüfstand zu stellen? Vielleicht bist auch du gerufen, etwas, was du aus gutem Grund schon dreißig Jahre oder länger lebst oder behauptest, doch anders anzugehen. Versuch es mit persönlichen Widerstandsübungen im Alltag! Gehe neue Wege! Probiere ein Gericht, das du noch nie gegessen hast!
2. Leidenschaft
Louis Brisson sagte einmal: „Man fragte einst Papst Leo X., welches seine köstlichste Erholung sei. Er antwortete: ‚Den Malern zusehen, die an meinem Palast arbeiten, denn sie tun es mit Leidenschaft, mit einem immensen Verlangen, es sehr gut zu machen.’ Und das stimmte, denn er verbrachte manchmal eine sehr lange Zeit mit dem Zuschauen. Das gleiche tut der liebe Gott auch bei uns. Sollten wir ihn da nicht zu unseren Arbeiten einladen, dass er immer in unserer Gesellschaft lebe? Daher sollen wir alles mit ganzer Leidenschaft tun. Dann kommt er auch in unseren Garten lustwandeln. Er wird Freude daran finden, uns bei der Arbeit zuzusehen.“
Versuch es mit persönlichen Leidenschaftsübungen im Alltag! Gehe neue Wege! Hänge dein Herz in jede Aufgabe, die du dir selbst wählst, aber auch in jede Aufgabe, die man dir anvertraut!
3. Opfern
Wer Texte von Louis Brisson liest, wird an eine christliche Lebensdefinition erinnert, die sich aus der Opferbereitschaft abgeleitet hat.
Ich selbst hadere mit dem Begriff „opfern“. Und dabei bin ich sogar Oblate – „der sich Opfernde“. Auf einem Spruchband stand einmal: „Das wahre Leben ist dort, wo Liebe Opfer bringt.“ Ist mein Leben also Opfer bringen, verzichten, entsagen? Oder umschreibt Hingabe besser, was mit Opfer gemeint sein könnte?
Versuch es mit persönlichen Opferübungen im Alltag! Gehe neue Wege! Handle in den nächsten Tagen einmal aus einem Opfergedanken heraus! Bringe ein bewusstes Opfer, weil du liebender Christ bist!
4. Ungehorsam
Louis Brisson hatte mit seinem Diözesanbischof von Troyes einen Riesenstreit, weil dieser ihm in ordensinterne Themen hineinreden wollte. Louis Brisson widerstand ihm aus Gewissensgründen und war ihm ungehorsam.
Wo ist es an der Zeit, dass du aus Gewissensgründen ungehorsam gegenüber Autoritäten bist? Das ist ein institutioneller Ansatz. Spannender ist vielleicht ein persönlicher Ansatz. Allen, die meinen, immer gehorsam zu sein, empfehle ich persönliche Ungehorsamsübungen. Sei ehrlich zu dir selbst!
Hörst du nicht manchmal absichtlich weg? Legst du, so wie ich, manchmal einen Termin so, dass du einen anderen nicht wahrnehmen musst? Schweigst du, wo du reden solltest?
Zögerst du, Kritik anzubringen, weil man dir dann selbst einen Spiegel hinhalten wird?
Geh neue Wege! Nimm deinen Ungehorsam wahr!
5. Neugier
Louis Brisson war ein neugieriger Mensch. Kann denn Neugier eine positive Eigenschaft sein? Ich meine nicht die Neugier, die Lust am Schaden des anderen hat.
Louis Brisson war ein Forscher. Er zeigte Interesse: an Menschen, an Naturphänomenen. Er hat sich seine kindliche Neugier erhalten, die ihn auch im hohen Alter immer wieder ins Staunen brachte.
Er baute eine astronomische Uhr, erfand ein bequemes Bett. Wie steht es um deine Neugier? Hältst du sie noch am Leben oder hast du deine anfängliche kindliche Neugier verloren? Hast du verlernt, mit dem Schlüssel „Warum?“ verschlossene Türen aufzuschließen? Hast du verlernt, Alltag und Routine zu hinterfragen? Glaubst du, alles zu kennen und zu wissen?
Versuch es mit persönlichen Neugiersübungen im Alltag! Gehe neue Wege! Interessiere dich für ein Phänomen, einen Menschen, den du bis jetzt links liegen gelassen hast!
6. Verlieren
Am Ende seines Lebens stand Louis Brisson vor einem Scherbenhaufen. In Frankreich waren die Oblaten verschwunden.
Alles, was er zu Lebzeiten geschaffen hatte, war nicht mehr: zerstört, vernichtet, enteignet. Sogar sein letztes Hab und Gut nahm man Louis Brisson weg, der im Sterben lag. Sein Haus in Plancy war nicht mehr seines, als er darin starb. Jesus sagte einmal: „Wer sein Leben gewinnen will, verliert es, wer es um meinetwillen verliert, der gewinnt es.“
Wie ist das mit dem Verlieren? Warum gewinne ich, wenn ich verliere? Die heutige Zeit mag nur Gewinner. Gott aber liebt alle. Was der Mensch als Gewinn sieht, ist vor Gott Schall und Rauch.
Versuch es einmal mit persönlichen Verlierensübungen! Leite deinen Selbstwert nicht vom Erfolg ab! Freu dich, wenn du Dank eines Fehlers zu neuen Erkenntnissen gekommen bist!
An die Biografie des seligen Louis Brisson kann man also historisch herangehen. Man kann sie aber auch spirituell an sich heranlassen; an sich persönlich. Ich wünsche viel Spaß dabei.
P. Sebastian Leitner OSFS